

"Ich finde Ideen, ich suche sie nicht"
Die Schinznacherin Renate Lerch entdeckt ihre künstlerische Freiheit neu. Ihre Werke sind ab 1. Mai im Zehntenstock Oberflachs zu sehen.
Ursina Mühletaler
Kunst war schon immer Teil von Renate Lerchs Leben. Als Tochter eines Künstlers sei sie von Kind an von Malerei, Musik, Literatur, Theater und Tanz umgeben gewesen. «Das Finden von Schönheiten im Detail, indem man hinschauen und hinhören, sich bewegen lernt, war Teil meiner Erziehung,» sagt die Schinznacher Künstlerin. Diese Fähigkeit begleitet Lerch weit über die Kindheit hinaus. Viele Jahre arbeitete sie an der Zürcher Hochschule der Künste (ZhdK) als Dozentin für Kunstvermittlung. So richtig «ausgepackt» im künstlerischen Sinne habe sie aber erst nach ihrer Pensionierung. «Ich habe immer Kunst gemacht; sie gehört zum Leben dazu, als eine Form der Verarbeitung», erklärt die 66-Jährige. «Heute traue ich mich, dem, was ich mache, Kunst zu sagen». Nach ihrer Pensionierung habe sie nun die Zeit und die Freiheit, ihre Kreativität einfach «laufen zu lassen». Es gebe Tage, an denen sie morgens «eintauche» und erst am Abend wieder «auftauche». Selbst entscheiden zu können, worauf man den Fokus legen wolle und dann darin zu versinken, ist für Lerch ein Privileg. Gerade in der heutigen Zeit, in der vieles durch Ohnmacht bestimmt ist, bedeute Kunst für sie Selbstbestimmung und sei eine wertvolle Insel: «In der Kunst finde ich Ruhe und Ordnung». Kunst lasse sie mitten in den Wirren des Lebens Schönheit erfahren. «In meinem künstlerischen Tun verdichten sich meine Gedanken, begreife ich meine Geschichten und die der andern, arbeiten meine Hände mit traumwandlerischer Sicherheit».
ZWISCHEN SCHINZNACH UND SIMANDRE
Lerchs Kunst ist geprägt von vielen Orten, entsteht aber vor allem an zweien: In ihrem Atelier in Schinznach Dorf und in einem alten Bauernhaus in Simandre, einem Örtchen im französischen Burgund. Letzteres bietet viel Raum zum Ausprobieren: «Dort habe ich nie Angst davor, einen Fehler zu machen. Weil es keine Rolle spielt», so Lerch. Alles sei viel grösser, freier. An Ideen mangelt es der Künstlerin glücklicherweise nie – die seien meist einfach da: «Ich finde Ideen, ich suche sie nicht». Lerchs grösste Inspirationsquelle ist – unabhängig vom Ort – die Natur. «Weil es dort lebt», antwortet die Künstlerin auf die Frage nach dem Warum. Und weil die Natur einem die Möglichkeit gebe, die gleichen Dinge immer wieder neu zu erleben. Lerch führt aus: «Der gleiche Stein, die gleiche Pflanze, wirkt im Abendlicht ganz anders als im Morgenlicht und im Frühling anders als an einem heissen Sommertag». Im Zyklus der Natur, dem «Werden und Vergehen» finde sie oft Parallelen zu ihrer künstlerischen Arbeit, sagt Renate Lerch: «Dieser Rhythmus findet sich auch im Erschaffen einer Ausstellung wieder, im Entwerfen und Verwerfen.» In ihren Werken und Ausstellungen integriert Lerch die unterschiedlichsten Materialien. Sie sei eine «Sammlerin», sagt sie von sich selbst. Ob bei der Auflösung der Strohfabrik in Wohlen oder der Räumung eines Estrichs in Schinznach – überall entdecke sie Schätze. Oft finden die Materialien erst Jahre später zu ihrer Bestimmung. «Die Dinge finden dann einfach zueinander, meine Händescheinen zu wissen, was sie nehmen und zusammenfügen müssen», so Lerch über den Entstehungsprozess ihrer Kunst. In diesem «Moment der Entdeckung» erhielten die Dinge noch einmal ein Leben, eine andere Bedeutung, einen neuen Wert.
NICHT BELEHREN, SONDERN EINLADEN
Für Renate Lerch ist Kunst kein Projekt für das stille Kämmerlein. Das Teilen, in diesem Falle mit Jaël Lohri und dem Publikum, sei das, was der Kunst zusätzlichen Sinn gebe. «Unsere Kunst gibt nicht vor, wie sie von den Betrachtenden gesehen oder gelesen werden soll.» sagt Lerch. Sie solle andere nicht belehren, sondern einladen, mitzutun, das Werk beim Schauen zu vollenden, betont Lerch. «unsere Kunst möge Begegnung auf Augenhöhe sein». Während der Kunstausstellung «zusammengefasst und freigelegt» gibt es für Besuchende die Möglichkeit, an den Klebbandcollagen und Colorout – Poetrys zu partizipieren. Es wird Klebeband und Stifte für die Gäste vor Ort haben, um eigene Gedanken, Fragen, Werktitel niederzuschreiben und den entsprechenden Arbeiten beizufügen», erklärt Lerch. Dies sei Teil des künstlerischen Konzeptes, denn: «Wenn ein Werk ausgestellt wird, findet es in den Augen der Betrachtenden einen vorläufigen Abschluss.»
Ursina Mühlemtaler (2026). «Ich finde Ideen, ich suche sie nicht». Aargauer Zeitung. 17.4.2026.
"Ich finde Ideen, ich suche sie nicht"
Die Schinznacherin Renate Lerch entdeckt ihre künstlerische Freiheit neu. Ihre Werke sind ab 1. Mai im Zehntenstock Oberflachs zu sehen.
Ursina Mühletaler
Kunst war schon immer Teil von Renate Lerchs Leben. Als Tochter eines Künstlers sei sie von Kind an von Malerei, Musik, Literatur, Theater und Tanz umgeben gewesen. «Das Finden von Schönheiten im Detail, indem man hinschauen und hinhören, sich bewegen lernt, war Teil meiner Erziehung,» sagt die Schinznacher Künstlerin. Diese Fähigkeit begleitet Lerch weit über die Kindheit hinaus. Viele Jahre arbeitete sie an der Zürcher Hochschule der Künste (ZhdK) als Dozentin für Kunstvermittlung. So richtig «ausgepackt» im künstlerischen Sinne habe sie aber erst nach ihrer Pensionierung. «Ich habe immer Kunst gemacht; sie gehört zum Leben dazu, als eine Form der Verarbeitung», erklärt die 66-Jährige. «Heute traue ich mich, dem, was ich mache, Kunst zu sagen». Nach ihrer Pensionierung habe sie nun die Zeit und die Freiheit, ihre Kreativität einfach «laufen zu lassen». Es gebe Tage, an denen sie morgens «eintauche» und erst am Abend wieder «auftauche». Selbst entscheiden zu können, worauf man den Fokus legen wolle und dann darin zu versinken, ist für Lerch ein Privileg. Gerade in der heutigen Zeit, in der vieles durch Ohnmacht bestimmt ist, bedeute Kunst für sie Selbstbestimmung und sei eine wertvolle Insel: «In der Kunst finde ich Ruhe und Ordnung». Kunst lasse sie mitten in den Wirren des Lebens Schönheit erfahren. «In meinem künstlerischen Tun verdichten sich meine Gedanken, begreife ich meine Geschichten und die der andern, arbeiten meine Hände mit traumwandlerischer Sicherheit».
ZWISCHEN SCHINZNACH UND SIMANDRE
Lerchs Kunst ist geprägt von vielen Orten, entsteht aber vor allem an zweien: In ihrem Atelier in Schinznach Dorf und in einem alten Bauernhaus in Simandre, einem Örtchen im französischen Burgund. Letzteres bietet viel Raum zum Ausprobieren: «Dort habe ich nie Angst davor, einen Fehler zu machen. Weil es keine Rolle spielt», so Lerch. Alles sei viel grösser, freier. An Ideen mangelt es der Künstlerin glücklicherweise nie – die seien meist einfach da: «Ich finde Ideen, ich suche sie nicht». Lerchs grösste Inspirationsquelle ist – unabhängig vom Ort – die Natur. «Weil es dort lebt», antwortet die Künstlerin auf die Frage nach dem Warum. Und weil die Natur einem die Möglichkeit gebe, die gleichen Dinge immer wieder neu zu erleben. Lerch führt aus: «Der gleiche Stein, die gleiche Pflanze, wirkt im Abendlicht ganz anders als im Morgenlicht und im Frühling anders als an einem heissen Sommertag». Im Zyklus der Natur, dem «Werden und Vergehen» finde sie oft Parallelen zu ihrer künstlerischen Arbeit, sagt Renate Lerch: «Dieser Rhythmus findet sich auch im Erschaffen einer Ausstellung wieder, im Entwerfen und Verwerfen.» In ihren Werken und Ausstellungen integriert Lerch die unterschiedlichsten Materialien. Sie sei eine «Sammlerin», sagt sie von sich selbst. Ob bei der Auflösung der Strohfabrik in Wohlen oder der Räumung eines Estrichs in Schinznach – überall entdecke sie Schätze. Oft finden die Materialien erst Jahre später zu ihrer Bestimmung. «Die Dinge finden dann einfach zueinander, meine Händescheinen zu wissen, was sie nehmen und zusammenfügen müssen», so Lerch über den Entstehungsprozess ihrer Kunst. In diesem «Moment der Entdeckung» erhielten die Dinge noch einmal ein Leben, eine andere Bedeutung, einen neuen Wert.
NICHT BELEHREN, SONDERN EINLADEN
Für Renate Lerch ist Kunst kein Projekt für das stille Kämmerlein. Das Teilen, in diesem Falle mit Jaël Lohri und dem Publikum, sei das, was der Kunst zusätzlichen Sinn gebe. «Unsere Kunst gibt nicht vor, wie sie von den Betrachtenden gesehen oder gelesen werden soll.» sagt Lerch. Sie solle andere nicht belehren, sondern einladen, mitzutun, das Werk beim Schauen zu vollenden, betont Lerch. «unsere Kunst möge Begegnung auf Augenhöhe sein». Während der Kunstausstellung «zusammengefasst und freigelegt» gibt es für Besuchende die Möglichkeit, an den Klebbandcollagen und Colorout – Poetrys zu partizipieren. Es wird Klebeband und Stifte für die Gäste vor Ort haben, um eigene Gedanken, Fragen, Werktitel niederzuschreiben und den entsprechenden Arbeiten beizufügen», erklärt Lerch. Dies sei Teil des künstlerischen Konzeptes, denn: «Wenn ein Werk ausgestellt wird, findet es in den Augen der Betrachtenden einen vorläufigen Abschluss.»
Ursina Mühlemtaler (2026). «Ich finde Ideen, ich suche sie nicht». Aargauer Zeitung. 17.4.2026.